Gregor Kempert unterrichtet jeden Mittwoch von 17 bis 21 Uhr die Gründerlehre an der Uni Rostock. Der 33-Jährige kommt aus einer Unternehmerfamilie und kennt die Höhen und Tiefen der Selbstständigkeit. Sein Vater ist seit mehr als 20 Jahren Unternehmensberater in Berlin. Er berät vor allem mittelständische Firmen die einen Nachfolger suchen.
Herr Kempert, warum haben Sie sich nach Ihrem Studium eigentlich nicht selbstständig gemacht?
Also ich habe schon darüber nachgedacht, irgendwann will ich mich selbstständig machen in Richtung Beratung. Mehr sei hier nicht verraten. Im Augenblick ist es aber einfach so, ich habe meinen Traumberuf gefunden.
Kann man „Selbstständigkeit“ lehren?
Bei mir gibt es keine Vorlesungen, sondern die Studenten lernen durch Aktion. Dadurch wird Anwendungswissen erworben, das draußen sofort umgesetzt werden kann.
Zum Beispiel wenn es um das Thema Kommunikationsfähigkeit geht: Wie gehe ich auf Gesprächspartner zu? Ich erkläre den Studenten wie das geht, dann erarbeiten sie sich das und führen es vor allen Studenten vor. Die anderen dürfen keine Kritik üben. Bei mir gilt die Regel: ein Verbesserungsvorschlag und zwei Lobe sind Pflicht.
Außerdem will ich Workshops mit Experten rund ums Thema Existenzgründung organisieren.
Ich lade auch gern Jungunternehmer ein, die von ihren Höhen und Tiefen berichten. Jetzt im Januar wird beispielsweise eine junge Frau von sich erzählen die zwei kleine Kinder und trotzdem den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hat. Sie hat vor ungefähr fünf Jahren die Familienagentur Engelchen & Bengelchen gegründet. Kinderbetreuung, Babysitting und auch Weihnachtsmännervermietung gehören zu Ihren Angeboten.
Bundesweit wurden kürzlich 65 Unis unter die Lupe genommen. Verglichen wurde, welche Uni ihre Studenten am besten auf den Job eines Unternehmers vorbereitet. Rostock landete auf Platz 16. Zufrieden?
Im Grunde ja. Sie müssen wissen, dass die Gründerlehre von anfang des Jahres bis zum Herbst nicht unterrichtet wurde. Dass die Uni in diesem Ranking trotzdem auf Platz 16 gelandet ist, zeigt wie gut meine Vorgängerin Frau Wilde gearbeitet und die Studenten auf eine mögliche Selbstständigkeit vorbereitet hat.
Mein Ziel ist im Norden die Nummer eins zu werden und mein Nahziel erstmal auf einen der vorderen Plätze im Ranking zu kommen.
Was soll künftig anders werden?
Mein Ziel ist, dass die Gründerlehre in allen Studiengängen an der Uni implementiert wird. Denn leider werden die „Scheine“ die man bei mir machen kann, noch nicht in allen Studiengängen anerkannt. Und vielen Studenten ist der Schein für ihren Abschluss wichtiger, sie belegen dann ein anderes Fach.
Um mehr Aufmerksamkeit und Interesse für die Gründerlehre zu wecken, habe ich aber das Gründer-Geflüster ins Lebens gerufen. Das findet einmal im Quartal statt.
Das erste Gründer-Geflüster im November hatte überwältigenden Zulauf. Eingeladen war ein sehr erfolgreiches, über die Landesgrenzen hinaus bekanntes Unternehmerehepaar aus Rostock. Er ist Inhaber der Rostocker Schokoladenfabrik Schokoladerie de Prie und sie betreibt die Kühlungsborner Kaffeerösterei. Ullrich und Bärbel de Prie setzten sich auf ein rotes Sofa, berichteten von ihren Erfahrungen, stellten sich Fragen und sprachen Warnungen aus.
Im April wird das rote Sofa ein zweites Mal besetzt. Dann soll ein Unternehmer kommen, der im Online-Versandhandel Millionen umsetzt. Seine Frau ist auch selbstständig. Ich hoffe, das Paar sagt zu.
Ist Ihr Ziel, dass sich die Studenten am Ende Ihres Studiums selbstständig machen?
Eine schwierige Frage. Sagen wir mal so: Ziel ist, dass die Studenten die sich selbstständig machen, das hier im Land tun. Von den 63 Studenten die ich momentan in der Gründerlehre habe, haben acht ganz konkrete Ausgründungsideen. Damit liegen wir weit über zehn Prozent.
Wie sehr sind die Studenten an der Gründerlehre interessiert?
An der Uni Rostock gibt es weit über 10 000 Studenten. 63 davon kommen zur Gründerlehre. Klingt nicht viel, aber der Hörsaal ist im Grunde voll und der Andrang wird größer. Damit die Qualität nicht leidet überlege ich die Gründerlehre an mehreren Abenden in der Woche anzubieten. Denn für das kommende Semester gibt es schon weit über 100 Voranmeldungen.
Kann sich aus Ihrer Sicht jeder Ihrer Teilnehmer selbstständig machen?
Noch so eine schwierige Frage. Hm.
Also, ich will mich niemandem verschließen. Natürlich habe ich in meinem Kurs Studenten, zum Beispiel diese typischen IT-Genies, die am PC Sachen machen, die ich nicht verstehe.
Diese Genies sind vielleicht nicht geeignet eine Einzel-Existenz zu gründen. Aber, wenn man denen einen guten BWLer zur Seite stellt, dann entsteht vielleicht ein perfektes Team.
Also: Ja, jeder kann sich selbstständig machen. Für manchen ist ein Team vielleicht besser geeignet.
Vielen Dank!
Das Interview führte Grit Gehlen