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Immer mehr Migranten gründen Unternehmen
Im vergangenen Jahr wurden bundesweit deutlich mehr Existenzgründer mit ausländischen Wurzeln gezählt. 18 Prozent aller Existenzgründungsinteressierten seien Migranten, meldete kürzlich der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Die meisten machen sich im Handel oder der  Gastronomie selbstständig. Damit noch mehr Migranten den Schritt wagen und auch andere Branchen erschließen, gibt es in Mecklenburg-Vorpommern speziell für diese Gruppe gezielte Unterstützung.
Daniel Krabbe im Gespräch mit GRUENDER-MV.DE
Unter dem Dach des Bildungswerks der Wirtschaft betreuen Daniel Krabbe und Hannelore Möller das Informations- und Qualifizierungszentrum für Gründer und Gründerinnen mit Migrationshintergrund in Mecklenburg-Vorpommern. Das Projekt wird von der EU gefördert. GRUENDER-MV.DE Redakteurin Grit Gehlen traf sich mit Daniel Krabbe zum Interview.
 
Herr Krabbe, im bundesweiten Vergleich leben in Mecklenburg-Vorpommern recht wenig Migranten. Haben Sie trotzdem gut zu tun?
 
2006 haben wir zusammen mit dem Integrationsfachdienst Migration hier in Rostock das Projekt entwickelt. Damals haben wir uns nur auf Frauen, also Migrantinnen, konzentriert. Ein vergleichbares Projekt gab es zu dem Zeitpunkt bundesweit noch nicht. Das Angebot wurde gleich im ersten Jahr sehr gut angenommen. Wir hatten über 100 Teilnehmerinnen in unseren Existenzgründungskursen. Das waren damals allerdings hauptsächlich Vietnamesinnen.
Schon ein Jahr später haben wir das Informations- und Qualifizierungszentrum auch für Männer geöffnet, weil die Nachfrage so groß war.
 
Wie erfolgreich ist Ihr Engagement?
 
Wir sind sehr erfolgreich! Wir haben seit 2006 rund 250 Migrantinnen und Migranten in unseren Existenzgründungkursen begleitet. Rund 60 Prozent gründen danach ihr Unternehmen.
Übrigens, diese Kurse bieten wir flächendeckend in Mecklenburg-Vorpommern an. Also neben Rostock auch in Schwerin, Greifswald oder Neubrandenburg.
 
Sie sagten, anfangs haben Sie hauptsächlich Vietnamesen in den Existenzgründungskursen betreut. Wie „bunt“ sind die Seminargruppen heute?
 
Das hat sich nach und nach gewandelt. Mittlerweile sind unsere Kurse multikulturell. Wir haben viele Teilnehmer aus dem russischsprachigen Raum, aber auch aus Amerika, Griechenland, Afrika, Schweden. Im Schnitt sind diese Teilnehmerinnen und Teilnehmer so zwischen 25 und 50 Jahre alt.
Die Teilnehmerinnen des ersten Kurses, der 2006 nur für Migrantinnen angeboten wurde.
Foto: Bildungswerk der Wirtschaft

Die Bundesregierung bedauert, dass nur wenige Migranten in wichtigen Schlüsselbranchen gründen, also beispielsweise im Technologiebereich. Ist das auch hier der Fall?
 
Die meisten Migrantinnen und Migranten wollen nur ein kleines Unternehmen aufbauen. Ihr Ziel ist es, von den Einnahmen leben zu können, die Familie zu ernähren, vielleicht noch ein oder zwei Arbeitskräfte einzustellen. Wir haben daher viele Gründungen im Dienstleistungsbereich, im Handel und im Gastronomiebereich. Neuerdings aber auch ab und zu Gründungen im IT-Bereich: einen Mediendesigner und einen Online-Shop-Betreiber hatten wir kürzlich erstmalig.
Technologiegründungen sind tatsächlich selten. Nach dem letzten Kurs hat sich jemand mit einer Solaranlagenbaufirma selbstständig gemacht, ein anderer Teilnehmer aus Nicaragua, der hier an der Uni studiert hat, will Biogasanlagen für kleine Unternehmen entwickeln und anbieten.
 
Woran liegt es, dass nur so wenige Migranten im Technologiebereich gründen?
 
Eine Gründung im Technologiebereich ist teuer und die meisten Migranten verfügen einfach nicht über die nötigen finanziellen Mittel. Für Kredite und Fördermittel muss aber ein gewisses Startkapital oder eine Sicherheit hinterlegt werden.
 
Was sind die größten Hürden für Migranten, die sich selbstständig machen wollen?
 
Nach wie vor die deutsche Sprache.
 
Was zeichnet Migranten aus, worin sind sie besser als wir Bundesbürger?
 
Sie sind mutiger als Deutsche! Ein Deutscher gründet ein Mal in seinem Leben. Wenn er dann scheitert, versucht er es oft kein weiteres Mal. Migranten suchen sich neue, andere Möglichkeiten.
 
Was lernen Migranten in Ihren Gründungskursen?
 
Größter Vorteil: Wir nehmen uns viel Zeit für unsere Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Nach 86-stündigen Grundkurs, der damit doppelt so lange ist wie ein normaler Existenzgründergrundkurs, bieten wir den Migranten und Migrantinnen zusätzlich Workshops, Einzeltrainings und Gruppentrainings an, die auf Ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Alle unsere Trainer sind in ihren Fachrichtungen Experten. So haben wir zum Beispiel zum Thema Recht, einen Rechtsanwalt und zum Thema Buchhaltung/ Steuern setzen wir einen Buchhalter oder Steuerberater ein. Bei der Konzepterstellung hilft eine Unternehmensberaterin.
Insgesamt betreuen wir die Gründungswilligen bis zu 18 Monaten. Bei Ängsten, Sorgen, Nöten sind wir also auch nach dem Start für sie da. Hier muss ich allerdings anmerken, dass unser Projekt offiziell zum Jahresende ausläuft, wir also nur bis Ende Dezember eine Betreuung zusichern können. Eine Beantragung der weiteren Förderung ist angedacht.
 
Können sich Migranten Ihre umfangreiche Hilfe leisten? Was kostet das?
 
Unser Projekt wird ja von der Europäischen Union und vom Land gefördert. Migranten, die teilnehmen möchten, müssen ihren Wohnsitz in Mecklenburg-Vorpommern haben. Insgesamt kommen auf den Teilnehmer einmalig 100 Euro Kosten zu. Da ich vorhin schon erwähnte, dass Migranten meist über wenig Geld verfügen, bieten wir an, die Kosten in Raten zu zahlen.
 

 

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