Zieh’ Dich aus – Wir zieh’n Dich an!

In Gründer aus MV by scheibel

Das Textilkombinat von Kristin Rein in der Schweriner Friedrichstraße ist mehr als ein An- und Verkauf für Textilien. Dort gibt es Garderobe der 50er und 60er Jahre, gemischt mit modernen Marken und pfiffigen Accessoires. Ein eigenes kleines Modelabel, ein Nähservice und die Personalisierung von Textilien runden das Angebot ab.

Die Gründergeschichte von Kristin Rein hat alles, was das Journalistenherz begehrt: Eine junge Frau, gerade Mutter geworden, macht sich mit einer Idee selbstständig an deren Erfolg sie ganz fest glaubt – als Einzige. Sie beißt sich durch, lernt, durchsteht Höhen und Tiefen und hat – Erfolg!
Kristin Rein ist gelernte technische Zeichnerin und arbeitet in einem Call-Center als sie schwanger wird. Fünf Jahre ist das jetzt her. Während des Erziehungsurlaubs hat die heute Dreißigjährige „viel Zeit zum Nachdenken“. „Außerdem hatte ich auch keine Lust mehr danach zurück an einen Schreibtisch zu gehen.“ Schon als Kind stöbert sie in Second-Hand-Shops, fährt dafür extra in größere Städte. Ein Hobby, das sie sich erhalten hat. Ihr Traum: „Ich wollte selbst so einen Laden haben. Mit tollen Klamotten, die zwar getragen sind aber Stil haben. “ Die Idee reifte und mit Klein-Greta, frisch geboren, machte sich Kristin Rein an die Arbeit. Zwar gibt es in Schwerin Second-Hand-Läden doch „da war eigentlich nichts für junge Leute dabei“. Sie sucht nach Händlern und bietet bei Auktionen mit. „Meine Familie war zunächst schon sehr skeptisch. Mein Mann war auch selbstständig, das Kind gerade geboren. Viele waren der Meinung, ich sollte die Finger davon lassen. Da stellte sich bei mir nur der Gedanke: Jetzt erst recht! ein.“
Ein Existenzgründerkurs beim Bildungswerk der Wirtschaft in Schwerin vermittelt ihr das notwendige betriebswirtschaftliche Rüstzeug. Bei Workshops von Enterprise M-V lernt sie auch Coach Joachim Tautz kennen. Enterprise M-V ist ein Programm der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) Mecklenburg-Vorpommern e.V. in Kooperation mit dem Wirtschaftsministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern, finanziert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Dort hilft man jungen Menschen auf dem Weg in die Selbständigkeit. Auch hier stößt sie zunächst auf Skepsis. Tautz, der schwerpunktmäßig die Jungunternehmer in den ersten drei Jahren nach der Gründung betreut, hatte Bedenken: „Wir waren im Team – und ich besonders – anfangs deshalb skeptisch, weil wir zu dieser Zeit eine Menge potenzieller Gründer mit dem gleichen Unternehmenszweck ‚An- und Verkauf von Textilien‘ hatten und doch häufig feststellen mussten, dass sich recht vage Ideen, Konzepte und Inhalte dahinter verbargen. Zu dieser Zeit war auch gerade die große Welle der ‚Ich-AG-Gründungen‘, bei denen ich in meiner Tätigkeit als Existenzgründungs- und Unternehmensberater sehr oft Gründer hatte, die diese Geschäftsidee als ‚letzte Rettung vor ALG-2‘ sahen.“ Keine guten Voraussetzungen, brauchte die junge Schwerinerin doch neben dem Coaching auch eine finanzielle Starthilfe – und die sollte von Enterprise M-V kommen. „Mir war klar, dass ich vor dem Vergabeausschuss bestehen musste. Eine Bank hätte mir keinen Kredit gegeben. Doch ich hatte mich mit Kind im Arm und Konzept in der Tasche schon durch so viele Behörden gekämpft. Es musste einfach klappen!“ Das tat es auch.

Nicht nur das Konzept für das Textilkombinat war schlüssig – auch ihr Auftreten überzeugte. „Als ich Kristin Rein vor dem Ausschuss das erste Mal persönlich getroffen habe, haben Ihre Persönlichkeit, aber besonders auch ihre Beharrlichkeit und Ihre Überzeugungskraft mir den Eindruck vermittelt, dass sie weiß was sie will.“ Joachim Tautz spricht damit einen wichtigen Punkt an: Nicht jeder, der eine gute Idee hat, ist auch für die Selbstständigkeit geschaffen. Nun ging es ins Detail. Der Coach war von dem für das Textilkombinat gewählten Standort nicht überzeugt. Die Friedrichstraße, wenn auch im Stadtkern so doch abseits der üblichen Laufroute, war erst im Begriff sich zu entwickeln. „Hier zeigte sich, dass es nicht gut ist so etwas aus der Ferne zu beurteilen, denn ein Blick auf den Stadtplan von Schwerin ließ mich vermuten, dass es sich nicht um eine gute Lage für solche Art von Einzelhandel handelt. Deshalb ist es gut, dass unser Team von Enterprise M-V die Gründer auch direkt vor Ort betreut.“ Kristin Rein schmunzelt noch heute, wenn sie sich an die Zeit mit Joachim Tautz erinnert. „Wir haben uns die erste Ladenfläche angeschaut und er hat alles hinterfragt. Für mich war es aber wichtig – eine Art ständiger Selbstüberprüfung. Außerdem war sein Wissen eine echte Unterstützung.“ Der erste Laden war klein: 38 Quadratmeter insgesamt. Darin die Ware, ein einfacher Tresen und das Herzstück: eine alte Telefonzelle als Umkleidekabine. „Von Anfang an habe ich größten Wert auf die Gestaltung des Ladens und des Schaufensters gelegt. Außerdem habe ich mir durch den Ankauf im Laden eine Stammkundschaft aufgebaut.“ Die ersten Monate waren hart. Oft lag die Jungunternehmerin nachts wach, hat gezweifelt ob es die richtige Entscheidung war. „Ich habe mich durchgebissen. Kein Urlaub – keine größeren Anschaffungen. Mit viel Unterstützung meines Mannes und unserer Familie habe ich diese Zeit durch gestanden.“ Der Erfolg gab ihr Recht. Bereits ein Jahr später zieht sie in derselben Straße in ein größeres Ladenlokal. Eine Idee, die Joachim Tautz, mittlerweile großer Fan des Textilkombinats, sofort unterstützte: „Wir sind mehrfach zu potenziell interessanten Geschäftsräumen in der Nachbarschaft gegangen. Es war logisch für mich, dass Kristin Rein die tolle Chance des Umzugs in einen größeren Laden auf der Friedrichstraße ergriffen hat.“ Vier Jahre nach Gründung kann die Jungunternehmerin heute  von ihrem Geschäft gut leben. Zeit also für neue Ideen: Im Internet gibt es selbst Genähtes vom eigenen Modelabel edelHARRY, Näharbeiten und Personalisierung von Textilien gehören ebenfalls zum Angebot. Das Textilkombinat ist zur Marke geworden, auch um sich vor ersten Nachahmern zu schützen. Joachim Tautz ist nun zwar nicht mehr ihr Coach, aber dann und wann schaut er immer noch vorbei: „Ich halte dieses Geschäft für so interessant und erfolgreich, dass ich mit Kristin Rein bereits über Möglichkeiten der Franchisevergabe gesprochen habe.“ Vielleicht also finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, also irgendwann ein Texilkombinat auch in Ihrer Nähe!

Michaela Skott

Zur Website des Ladens geht es hier…

Zu den Photos des eigenen Labels edelHarry geht es hier…

Print Friendly, PDF & Email