Nicht bei null angefangen

In Gründer aus MV by @sys

Nach fast vierjähriger Suche hat Karl-Heinz Liebling aus Mirow jetzt einen Nachfolger für seine Firma gefunden. Margitta Kiepert hat zu Ostern den Fahrradladen, die Vermiet-Station und die Service-Werkstatt übernommen und freut sich. Sie muss nicht, wie andere Existenzgründer, bei null anfangen. Stammkunden, ein Geschäft in Top-Lage, zuverlässige Lieferanten und ein guter Ruf sind schon da.

Karl-Heinz Liebling und Margitta Kiepert waren schon beim zweiten Treffen beim “Du”. Die Chemie stimmte auf Anhieb.

„Ich wünsche Ihnen immer eine klingelnde Kasse und dass Sie die Stammkunden halten können“, sagt Unternehmensberater Gerhard Gönner zur Begrüßung. Er drückt der frisch gebackenen Unternehmerin Margitta Kiepert einen Blumenstrauß in die Hand. Sie revanchiert sich prompt mit einem Glas Sekt. Mit seiner Hilfe hat die 41-Jährige die Übernahme geregelt. „Ich wollte ja nicht die Katze im Sack kaufen“, sagt sie lachend. Gemeinsam habe man sich die Umsatzzahlen der vergangenen fünf Jahre angeschaut und ausgewertet, ein Konzept geschrieben, das Bankgespräch vorbereitet.

Für den Unternehmensberater ist Margitta Kiepert die perfekte Nachfolgerin und auch das Ehepaar Liebling ist sehr zufrieden mit der Wahl. Die neue Chefin bringt alles mit, was die beiden sich für ihr Geschäft wünschen, das jetzt seit 20 Jahren besteht: „Ich bin gelernte Zweirad-Mechanikerin, habe zwölf Jahre Berufserfahrung und bringe kaufmännisches Wissen aus meiner Arbeit als Shop-Leiterin in Neubrandenburg mit“, zählt die Nachfolgerin auf. Dass die Lieblings, er ist 68 seine Frau wird 60, einen Nachfolger suchten, erfuhr sie durch einen Zweirad-Vertreter. „Das war etwa im Herbst 2008“, erinnert sich die drahtige Frau. Bevor sie mit den Inhabern Kontakt aufnahm, fuhr sie allein und unangemeldet nach Mirow. „Aus Neugier. Ich war als Kundin hier und habe mir Flickzeug gekauft.“ Margitta Kiepert lacht als sie sich daran erinnert: „Na, ich bin durch den Laden, habe geguckt was hier für Marken verkauft werden, wie der Laden eingerichtet ist und habe dann von der gegenüberliegenden Straßenseite noch ein paar Fotos geschossen.“

Die Idee, sich als Nachfolgerin selbstständig zu machen, ließ sie noch ein paar Wochen „sacken“ und machte sich dann gemeinsam mit dem Fahrrad-Vertreter, der ihr damals den Tipp gegeben hatte, auf den Weg zu einem ersten Kennenlern-Gespräch nach Mirow.
„Die Chemie zwischen uns stimmte sofort“, sagt Regina Liebling erleichtert. Im ersten Gespräch sei es auch nicht um „harte“ Fakten gegangen. „Wir wollten wissen: Was ist sie für ein Mensch, welche Qualifikation bringt sie mit und uns hat gefallen, dass sie hier im Laden gleich bei Kundengesprächen mitgemischt hat.“

Danach folgten Gespräche mit dem langjährigen Steuerberater der Lieblings. „Der empfahl mir für den Übergabe-Prozess den Unternehmensberater Gerhard Gönner.“ Mit ihm schmiedete Margitta Kiepert auch ein paar neue Ideen: „Ich will mehr Ersatzteile für Mopeds anbieten und vielleicht auch Mopeds ins Sortiment aufnehmen.“ Deswegen machte sie aus „Fahrradhaus Liebling“ das Geschäft „Zweiradflitzer Kiepert“. Außerdem gestaltete sie den Laden nach ihren Vorstellungen um.
Die ehemaligen Chefs können damit gut leben, loben ihren Elan und wollen der Nachfolgerin bei Bedarf mit Rat und Tat zur Seite stehen. „Wenn sie uns braucht, jederzeit!“, beteuert Karl-Heinz Liebling. Ein Angebot, von dem andere Existenzgründer nur träumen können.

Mit Sohn Sandro will Margitta Kiepert dafür sorgen, dass der Laden läuft.

Karl-Heinz Liebling hätte die Firma gern an einen seiner beiden Söhne übergeben: „Aber die kommen nicht aus der Branche und wollten in ihren Berufen weiter arbeiten“, sagt er und wirkt bedrückt. So geht es vielen Unternehmern. Immer mehr verkaufen ihre Firma an einen Nachfolger außerhalb der Familie, belegt eine Studie des Instituts für Mittelstandsforschung.

Verkauft hat das Ehepaar Liebling das Geschäftshaus aber nicht an die Nachfolgerin. „Ich habe mich für einen langfristigen Mietvertrag entschieden“, erklärt Margitta Kiepert. Für den Warenbestand erhielt sie einen Kredit von der langjährigen Hausbank der Lieblings. „Das lief unkompliziert. Die kennen das Geschäft und die Bilanzen über Jahre und mein neues Konzept überzeugte auch“, freut sie sich.

„Sind Sie die neue Chefin?“, fragt eine ältere Frau, als Margitta Kiepert sich vor dem Laden für ein Foto aufs Fahrrad schwingt. Stolz nickt die junge Frau und nimmt auch diese Gratulation freudestrahlend entgegen. Viele Zweirad-Vertreter und Mirower sind schon vorbei gekommen, das Fahrradgeschäft ähnelt mittlerweile einem Blumenladen.

„Stellen Sie sich bei der Frau in der Tourist-Information unbedingt vor“, gibt ihr eine andere Gratulantin als Ratschlag. „Dort fragen die Urlauber immer nach Leihrädern.“ Margitta Kiepert freut sich über so viel Aufmerksamkeit und blickt voller Optimismus in die Zukunft.

Grit Gehlen

In Mecklenburg-Vorpommern suchen in den kommenden vier bis fünf Jahren nach Schätzungen des Wirtschaftsministeriums rund 5000 Unternehmer einen Nachfolger. Die deswegen neu geschaffene Koordinierungsstelle Brücke MV vermittelt Interessierten Kontakte und hilft beim Übergabe-Prozess.

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