Spitzenforschung aus Mecklenburg-Vorpommern: Eine medizinische Weltneuheit in der Wundbehandlung kommt aus Greifswald

In Gründer aus MV by @red

Schätzungsweise 4,2 Millionen Menschen leiden allein in Deutschland an chronisch offenen Wunden, Tendenz steigend. Ein vierköpfiges Forscherteam aus Greifswald arbeitet nun an einer Technologie, die diese Wunden erfolgreich therapieren kann. Mitte 2015 soll es auf den Markt kommen. Die Idee ist so gut, dass die Bundesregierung das Projekt mit 500.000 Euro fördert.

Das Gründungsvorhaben Coldplasmatech wird vom Bund nun anderthalb Jahre lang mit insgesamt 500.000 Euro unterstützt. Das EXIST-Förderprogramm ist speziell für herausragende forschungsbasierte Gründungsvorhaben, die mit aufwändigen und risikoreichen Entwicklungsarbeiten verbunden sind, entwickelt worden. Foto: INP

Vorbei an modernen Labortrakten, Warnschildern und nicht enden wollenden Treppenhäusern liegen die Laborflächen des Coldplasmatech-Teams, in einem Bereich, der Besuchern normalerweise nicht zugänglich ist. Wie ein tüftelnder Wissenschaftler, der im weißen Kittel im Labor sitzt und mit Pipette und Mikroskop hantiert, sieht Dr. Carsten Mahrenholz nun wirklich nicht aus. Seine kurzen grauen Haare sind verstrubbelt, um den Hals trägt er ein legeres Baumwolltuch. „Ich bin Projektleiter und  sozusagen der „Libero“ unseres Teams“, erklärt der 34-Jährige lächelnd. Seit dem 1. November 2013 sind er, Dr. René Bussiahn, Tobias Güra und Stephan Krafczyk ein Team. Ihr Arbeitsplatz ist noch das Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie in Greifswald e.V. (INP). Hier entstand die Idee für die Wundauflage, hier soll sie durch das zukünftige Spin-Off umgesetzt werden.
„Die Bedingungen und das Umfeld für eine Gründung sind hier ideal“, erklärt Tobias Güra, der die Unternehmensentwicklung verantwortet. „Alle wichtigen Geräte, die wir für unsere Forschung brauchen, sind hier auf dem modernsten Stand der Technik. Die Wege zu anderen Experten, wie beispielsweise Mikrobiologen und Chemiker  sind kurz und das Haus unterstützt uns mit Know How. Wir profitieren zudem davon, dass wir beide nahe am Direktorat und wichtigen Entscheidern sind. Das ist unbezahlbare Hilfe“, fügt der 27-Jährige hinzu.

Dr. René Bussiahn (40) weilt gerade auf einem hochkarätigen Medizin-Kongress in Japan. Dort stellt er  die wissenschaftlichen Untersuchungen von Coldplasmatech vor. Stephan Krafczyk (31) sitzt zum Interviewzeitpunkt im Labor und entwickelt. Es gibt für alle einen straffen Zeitplan. Jeden Montag und Freitag trifft sich das Team, um gemeinsam „quer zu denken“ und das weitere Vorgehen zu besprechen.

Die Wundauflage (Plasma-Patch) ist 10 mal 10 Zentimeter groß. „Die Wundauflage besteht aus Silikon und ist so aufgebaut, daß sie kaltes Plasma erzeugen und freisetzen kann“, erklärt Dr. Carsten Mahrenholz. Die heilende Wirkung des ionisierten Gases, das auch Bakterien und multiresistente Erreger abtötet, sei nicht neu und bereits gut untersucht. Neu ist die Wundauflage, mit der nun auch großflächige Wunden wie beispielsweise Geschwüre vom Wundliegen oder diabetisch bedingte offene Beine und Füße erfolgreich behandelt werden können. „Die Anwendung soll sogar vom Patienten allein und risikolos zu Hause durchgeführt werden“, erzählt Dr. Carsten Mahrenholz stolz.

Chronische Wunden können mit kaltem Plasma therapiert und verschlossen werden. Krankenkassen und Patienten könnten viel Geld und Zeit sparen. Das ist nicht nur aus Sicht des Teams ein echter Mehrwert für die Gesellschaft.

Die Erfindung überzeugte auch beim bundesweiten Science4Life Venture Cup – dem renommiertesten Business Plan Wettbewerb der Life Science Branche, wo die vier Entrepreneure ihre Geschäftsidee präsentierten. Sie gehören nun zu den zehn Siegern der Konzeptphase und gewannen neben Preisgeld auch wertvolle Kontakte. Zusätzlich bekamen sie Anregungen, von der größtenteils mit Wissenschaftlern und erfahrenen Branchenexperten besetzten Jury. Bei weiteren Wettbewerben, wie beispielsweise beim Start2grow Businessplanwettbewerb, beim Unique Ideenwettbewerb der Uni Greifswald und dem landesweiten INNO AWARD hat sich das Team beworben. Es geht den vier Gründern dabei nicht so sehr um die Preisgelder, die man gewinnen kann: „Uns sind Meinungen von außen wichtig. Erst dadurch reift unser Konzept und wir lernen unsere Schwächen kennen.“ Nichts sei schlimmer für junge Start-Ups, als vermeintlich alles zu wissen und sich auf seinen Erfolgen auszuruhen, fügt Tobias Güra hinzu.

von links: Dr. Carsten C. Mahrenholz, MBA (Biologe, Chemiker, Wirtschaftswissenschaftler), Stephan Krafczyk (Wirtschaftsingenieur für Maschinenbau), Tobias Güra (Medizinökonom) und es fehlt: Dr. René Bussiahn (Plasmaphysiker) Foto: INP

Aktuell müssen Zulieferer und Produzenten gesucht, Preise verhandelt werden. Damit die Wundauflage künftig an den Markt gehen und als Krankenkassenleistung übernommen werden kann, ist ein umfangreiches und aufwendiges Zertifizierungsverfahren Pflicht.
Das Team hofft, dass sich schon vorher eine Klinik und/oder eine Krankenkasse finden, die die Wundauflage in ihr Leistungsspektrum aufnehmen.

Einige Stolpersteine sind also noch zu nehmen. Aus Sicht von Dr. Carsten Mahrenholz sind diese Hürden kein unüberwindbares Problem: „Wir haben solide Partner, wie Wacker Chemie, die den Weg mit uns zusammen gehen und uns unterstützen.“ Genauso wichtig sei aber auch das Team, denn „trotz der vielen Arbeit und der hohen Herausforderungen haben wir eine gemeinsame Vision, viel Spaß und verstehen uns gut. Wir wollen zusammen gründen, denn die Wundauflage an den Markt zu bringen, ist eine Herausforderung, die wir vier gern zusammen stemmen wollen.“
Und Tobias Güra fügt hinzu: „Wir haben die einmalige Chance Millionen Patienten in Deutschland und weltweit zu helfen und wollen auch unternehmerisch erfolgreich sein.“
Die Idee überzeugte auch das Bundeswirtschaftsministerium, das das Team im Rahmen des Förderprogramms EXIST-Forschungstransfer unterstützt. „Die Begutachtung hatte es wirklich in sich“, erinnert sich Dr. Carsten Mahrenholz, doch der immense Aufwand hat sich gelohnt. Das Gründungsvorhaben Coldplasmatech wird vom Bund nun anderthalb Jahre lang mit insgesamt 500.000 Euro unterstützt. Das EXIST-Förderprogramm ist speziell für herausragende forschungsbasierte Gründungsvorhaben, die mit aufwändigen und risikoreichen Entwicklungsarbeiten verbunden sind, entwickelt worden.

Tobias Güra glaubt nicht, dass es bei einer einzigen Wundauflage bleiben wird. „Für den Ausbau des Produktportfolios können wir uns auch unterschiedliche Designs für spezielle Wundindikationen und Lokalisationen vorstellen. Vorerst fokussiert das Team den deutschen Markt. „Wenn wir uns hier erfolgreich etablieren konnten, werden langfristig weitere folgen“, blickt Mahrenholz in die Zukunft.

Grit Gehlen

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