Kreativpiloten

Neue Kreativpilotin: How much is the fish?

In Gründer aus MV, Wettbewerbe by scheibel

Die Bundesregierung hat am Freitag 32 Unternehmen mit dem Titel „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ ausgezeichnet. Zu den Titelträgern gehören auch die Unternehmen Stühmer | Scholz Design_büro und ramona stelzer design aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Bekanntgabe fand mit Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries in Berlin statt.

Angefangen hat alles mit der Idee, einen Werkstoff zu verarbeiten, der als Abfallprodukt aus der Lebensmittelindustrie entsteht. Ramona Stelzer aus der Hansestadt Wismar macht Schmuck aus Fischhaut. Das Gerben von Fischleder ist ein altes Handwerk, das sie mit ihrer Weiterverarbeitung am Leben erhält. Das Leder bezieht Ramona zum Teil aus Deutschland, wo es umweltschonend haltbar, weich und elastisch gemacht wird, jedoch sein Markenzeichen – die charakteristische Schuppenstruktur – behält. Weil keine Haut der anderen gleicht, ist jedes Schmuckstück ein Unikat. So werden Wegwerfprodukte auf sinnvolle, nachhaltige und einzigartige Weise weitergenutzt. „Ich hoffe, dass mir neue Projektpartner, Denkansätze und eine super spannende Zeit ins Netz gehen. Außerdem möchte ich noch mehr Menschen für mein Produkt Fischleder und meinen Schmuck begeistern und so ein positives Licht auf Mecklenburg-Vorpommern werfen.“

Fischhaut an Stelle von Edelsteinen

Eine der ältesten Handwerkskünste beherrscht Ramona Stelzer. Die Goldschmiedin hat sich vor vier Jahren in Wismar selbstständig gemacht. Sie fertigt außergewöhnliche Ringe, Ohrringe, Ketten und Anhänger, Armbänder und Manschettenknöpfe. In diesen Schmuckstücken funkeln keine gewöhnlichen Edelsteine, sondern Fischleder. Die damals 31-Jährige hat ihre Gründung ganz allein und ohne Fördermittel auf die Beine gestellt „und würde schon gerne groß rauskommen“, sagte sie damals ganz leise.

Foto: Grit Gehlen

Ramona Stelzer sitzt an ihrer selbst kreierten Werkbank und feilt an einem Kettenanhänger. Sie arbeitet hochkonzentriert, zieht die Stirn in Falten, kneift die Augen zusammen und vergisst dabei schnell mal die Welt um sich herum. „Hier in Wismar bin ich nach meiner Goldschmiedeausbildung gelandet, weil ich noch ein Studium dranhängen wollte. Die ersten Wochen habe ich Schmuckdesign studiert, dann aber schnell umgeschwenkt auf Produktdesign“,  erzählt die gebürtige Schwäbin in perfektem Hochdeutsch. Den halbrunden Arbeitstisch, an dem Ramona Stelzer sitzt, hat sie selbst designt. Üblicherweise arbeiten Goldschmiede seit Jahrhunderten an eckigen Tischen. „Dieser Tisch hier ist meine Diplomarbeit. Ich habe ihn am Ende meines Produktdesign-Studiums entworfen und selbst gebaut.“ Dafür gab es die Note 1,0.

„Wenn ich an diesem Tisch arbeite wird mein Arbeitsfluss nicht unterbrochen. Ich muss nichts umräumen, wenn ich beispielsweise nach dem Feilen eines Rings das Fischleder zuschneiden oder etwas löten will. Alles ist in Greifnähe rund um mich herum untergebracht, so dass ich zur nächsten Arbeitsstation einfach nur weiterollen muss.“

Die Idee, den Entwurf des Tisches zu vermarkten, wird Ramona Stelzer in der Zukunft angehen. Aber erst mal will sie als Schmuckdesignerin Fuß fassen. „Fischleder hielt ich hier an der Hochschule in Wismar während eines Projekts erstmals in den Händen. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass es sowas gibt“, erinnert sich Ramona Stelzer. Die einzigartige Oberflächenstruktur der Fischhaut und die große Farbpalette faszinieren sie bis heute.

Filigrane Ohrgeähnge aus Seewolf, Karpfen, Rochen oder Barben

„Hier, das Stör- und das Lachsleder habe ich erst kürzlich entdeckt. Mein Produzent ist ein Nanai, der in Bayern lebt und dessen Vorfahren aus Sibirien stammen. Er gerbt das Leder nach althergebrachter Tradition mit pflanzlichen Mitteln und ohne Chemie.“ Unter Ramona Stelzers Händen werden aus diesem Fischleder nun breite Armbänder für Männer.

In die filigranen Schmuckstücke und Ohrgehänge für Frauen kommt eher das schuppige Fischleder von Seewolf, Karpfen, Rochen oder Barben.

Hier an ihrem Werkstatttisch stanzt Ramona Stelzer verschieden große Stücke aus dem Fischleder. Der schwere Hammer kracht drei Mal auf den Stößel ehe sich das Fischleder gelöst hat. Dieses ist durch das Gerben weich, haltbar und elastisch und gleicht in seiner Beschaffenheit sowie seinem Geruch bekannten Ledersorten wie Rindsleder. Das kleine Stück Leder wird nun in Anhänger oder Manschettenknöpfe geklebt. „Alle Schmuckstücke von mir sind echte Handarbeit und Unikate. Die findet man kein zweites Mal!“, sagt Ramona Stelzer.

Für den kleinen Geldbeutel präsentiert Ramona Stelzer in Mietfachläden in Lübeck und auf der Insel Sylt solche Ohrstecker, die 29 Euro kosten. Foto: Grit Gehlen

Mit ihrer Geschäftsidee bewarb sie sich bereits 2014 beim Wettbewerb Kreativmacher Mecklenburg-Vorpommern und wurde ausgewählt. Es gab damals kein Preisgeld zu gewinnen, sondern viel wertvollere Dinge: Vor allem ein länger andauerndes Coaching mit erfahrenen Unternehmern, sowie Bekanntheit und Kontakte zu anderen Designern und Selbstständigen in der Kreativbranche beispielsweise. Es gab auch ein Coaching zum Thema Vermarktung. „Eine Idee aus dem Coaching ist beispielsweise, meinen Schmuck künftig auch in Geschäften für Seglerbedarf oder bei Kreuzfahrtterminals anzubieten.“

Ramona Stelzer verkauft ihren besonderen Schmuck in Designerläden in Hamburg und Kiel. Daneben ist sie auf immer mehr Kunsthandwerker- und Designermärkten in Nord-und Ostdeutschland vertreten. Für den kleinen Geldbeutel präsentiert sie in Mietfachläden in Lübeck und auf der Insel Sylt Ohrstecker, die 29 Euro kosten.

Im Advent 2017 ist die Kreative mit ihren un gewohnlichen Schmuckstücken hier anzutreffen:

  • Flensburg am 2. und 3. Dezember auf dem Elbrausch Designmarkt
  • Hannover am 9. und 10. Dezember bei den Designachten
  • daheim in Wismar am 15., 16. und 17. Dezember auf dem Kunstmarkt in St. Georgen

Um Kosten zu sparen, hat sie als Gründerin ihr Atelier in Wismar auch in einem Haus für gemeinschaftliches Arbeiten unter einem Dach eingerichtet. Nebenan, im selben Raum, fertigte Designerin Annett Oberländer ihre Schmuckkreationen aus Porzellan an. Eine Bekanntschaft, die sich über die Hochschule ergeben hatte. „Und wenn mich zu sehr Selbstzweifel plagen, weil beispielsweise ein Markttag mal ganz schlecht lief, dann macht mir meine Mama Mut.“

Die Auszeichnung „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“ wird einmal im Jahr an kreative Unternehmen vergeben, die mit ihren Ideen die Welt besser machen. In diesem Jahr arbeiten mehr als 50 Prozent der Projekte an der Schnittstelle von Kultur- und Kreativwirtschaft und anderen Bereichen.

Kontakt:
Ramona Stelzer
Schatterau 11a
23966 Wismar
Telefon: 0178/3631081
Mail: mona.stelzer@googlemail.com

Website: www.ramonastelzerdesign.de
Facebook: www.facebook.com/pages/ramona-stelzer-design/1431121827101971?sk=info&ref=page_internal

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Kette Seewolf – kreiert von kreativpilotin Ramona Stelzer. Foto: Ramona Stelzer

Grit Gehlen/Ralph Schipke
Zusammen mit Ramona Stelzer entdeckte auch die ARD das außergewöhnliche Material: Fischleder. Sie zeigt im TV, wie daraus wunderschöner Schmuck entsteht – ganz ohne Fischgeruch!
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