Ralph Schipke

Co-Work in der Pampa

Ein Besuch bei Felicitas Gobbers auf dem ehemaligen Rittergut Damerow

Wenn der Küster von Damerow heutzutage seinen ehemaligen Wohnsitz besuchte, er würde ihn kaum wiedererkennen. Wo er einst unterrichtete, erzählt ein kleines Museum von der Chronik der Familie von Winterfeld, die seit dem 17. Jahrhundert das Gut bewirtschaftete.

Ludwig Gustav von Winterfeld war ein preußischer Offizier, Politiker und Familienhistoriker. Von 1867 bis 1874 war er Mitglied des preußischen Herrenhauses. Als Chronist der Familie ist er eine Kernfigur des weitverzweigten preußischen Adelsgeschlechts von Winterfeld. Foto: Ralph Schipke

Das ehemalige Küsterschulhaus und der kleine ehemalige Stall, sind mittlerweile durch einen großen, modernen Wintergarten miteinander verbunden. An den Wochenenden steht dort Felicitas Gobbers, zur einen Hälfte eine von Winterfeld, hinter dem Tresen und wartet darauf, Gäste mit Kaffee und selbstgebackenen Kuchen zu verwöhnen.

Wer außerdem mal kurz seine Mails checken möchte oder für ein paar Stunden in Ruhe am Rechner arbeiten möchte, kann dies tun. Die 100.000er Internet-Leitung macht’s möglich. Wo sich einst Gänse, Hühner und anderes Kleinvieh tummelten, sollen nun Geschäftsideen gedeihen können. Eine große Kork-Pinnwand wartet darauf, mit neonfarbenen Zetteln behängt zu werden, Drucker und Beamer zeugen davon: Dies ist ein Büro!

Co-Workerin und Gründerin Felicitas Gobbers. Fotos: Ralph Schipke

Das CoWork-Café befindet sich im Idyll von Damerow, ein 100-Seelen-Dorf nahe Pasewalk, unweit der A20. Umsäumt von Ackerland. „Wir sind hier in der Peripherie der Peripherie“, sagt Felicitas Gobbers, als sei es ein USP (Unique Selling Point). Es schwingt ein Hauch Resignation mit. Die Menschen hier beißen sich durchs Leben.

Ein kleines Museum gehört auch zum Co-Work. Und wer hat schon einen Schreibtisch im Museum?

Doch genau dort, wo es so abgelegen und zäh ist, hat die 39-Jährige im vergangenen Sommer den ersten ländlichen CoWork-Space Mecklenburg-Vorpommerns eröffnet. Nach dem Motto: Gemeinsam arbeitet man weniger allein, setzt sie auf die stärkende Kraft der konzentrierten Gemeinschaft inmitten der Stille. In den Pausen winkt ein Spaziergang durch die alte Gutsanlage, die ihre Metamorphose erwartet. Und ein Latte Macchiato, wenn man möchte, gern auch mit Hafermilch. Eigens von Felicitas Gobbers angerührt in ihrem Gutscafé, das sie wiederbelebt hat, nachdem sie 2017 nach Damerow kam. Kurz nach der Wende hatten ihre Eltern einen Teil der Ländereien zurückerworben, mit denen sie seither Landwirtschaft betreiben. Neben dem verwahrlosten Verwalterhaus, konnten sie auch die Nebengebäude wie den große Kuh-/Schweinestall, die Brennerei und den Speicher zurückkaufen. Das Gutshaus brannte 1945 ab. Im Verwalterhaus unterm Dach hat sie ihre Wohnung bezogen und brütet seither über Nutzungskonzepten für die Anlage.

StartHILFE Podcast unter anderem mit Felicitas Gobbers zum Thema: Gründen und Co-Working auf dem Land

Felicitas Gobbers ist überzeugt: Was in der Stadt geht, geht auf dem Land noch viel besser. „Ich kenne das Prinzip Coworking aus der Stadt, als ich dort noch gelebt und gearbeitet habe. Der Trend geht immer mehr zum Leben auf dem Land und auf diese Weise können die Leute diesen Lebensstil wunderbar für sich erproben.“

„Workation“ – ein Wortspiel aus Work und Vaccation, nennt sich die neue Marktnische, kurz Arbeitstourismus. Gutshaus-Besitzer in ganz Mecklenburg-Vorpommern erhoffen sich davon einen wirtschaftlichen Aufschwung, so auch Felicitas Gobbers.

„Es geht darum, auch unter der Woche Auslastung zu haben und nicht nur mit Feriengästen am Wochenende.“

Wenn man sie fragt, wie es dazu gekommen ist, schnauft sie kurz. Sie ist Teil eines Plans geworden, den sie nie selbst geschmiedet hat. „Als meine Eltern Damerow übernahmen, dachte ich nur: Warum diese kaputte Anlage in der Einöde? Ich hatte nie einen Bezug zu dem Ort, meine Großeltern sind früh gestorben, es gab keine Gelegenheit, um über alte Zeiten zu sprechen. Eine Finka auf Mallorca wäre mir lieber gewesen.“

Als es 2017 hieß, es müsse sich jemand um das Gut kümmern, nahm sie die Gelegenheit auf eine Auszeit beim Schopfe. Sie legte einen Sabbatical von ihrem Job als Marketingexpertin in Stuttgart ein und machte sich auf nach Damerow. Vier Monate lang erprobte sie das Landleben, entrümpelte den mit Möbeln vollgestellten Stall. Die Schätze hat sie für die Einrichtung des Feriendomizils verwendet, das einst als Waschhaus diente, baute eigenhändig die Ikeaküche ein. Kaum hatte sie das Angebot bei Airbnb reingesetzt, folgte prompt die erste Buchung. „Das war genial. Da haben die ganzen Kritiker aus dem Dorf gemerkt, dass hier wirklich etwas passiert.“ Das Ferienhaus war mehrere Monate in Folge ausgebucht.

Ein halbes Jahr später kündigte sie ihren Job endgültig, seither arrangiert sie sich mit skeptischen Dorfbewohnern und einer nie erfahrenen Dunkelheit. „Als ich ankam, dachte ich zuerst: Hier hälst Du es keinen Tag aus! Es knarzt überall!“ Noch immer grusele sie sich abends, doch ihre Mission hält sie am Laufen: Damerow zukunftstauglich zu machen.
Als CoWork-Pionierin fand sie unter anderem Unterstützung bei Lutz Scherling vom Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt, der mit Projekten wie „Smart Tau Hus“ und „Smart-Dörp MV“ Digitale Inseln in Mecklenburg-Vorpommern erschaffen will.* Als Projektgruppe wollen sie und weitere Mitstreiter Ideen sammeln für eine Digitalisierung im ländlichen Raum.

Mit Mitteln aus dem Vorpommern-Fond konnte sie die Einrichtung ihres CoWork-Spaces finanzieren. Noch sei die Nachfrage eher verhalten, klagt sie. „Die Leute sind noch nicht so weit, dass sie das als Möglichkeit wahrnehmen, hier zu arbeiten, anstatt den ganzen Tag zu Hause zu hocken.“

Nicht nur Berliner sollen bei ihr einkehren, um an Start-Ups zu tüfteln. „Auch Einheimische aus dem Nachbardorf könnten hier mal einen Bürotag einlegen, um aus ihren vier Wänden rauszukommen.“ Kaminabenden im Verwalterhaus, wie für den Rotary-Club Neubrandenburg oder die Zusammenarbeit mit der Europaschule in Pasewalk sollen dabei helfen, ihr Vorhaben voranzubringen. Ihr jüngster Coup, ein Pop-up-Dinner, sei super angekommen, sagt sie, und auch wenn sie wegen der Corona-Krise in Zwangspause gehen musste. Sie gibt sich dennoch optimistisch.

„Ich kann alles hier machen, ich brauche nur eine Person, die mich dabei unterstützt.“ Zum Glück will ihr Freund Lars zu ihr nach Damerow ziehen, gemeinsam wollen sie die Anlage weiter ausbauen. Als sie darüber spricht, macht sie plötzlich eine kurze Pause. „Dieser Ort hat mir vieles beschert, was ich nie wollte: Ich wollte nie Gastronomin sein, ich wollte nie auf dem Land leben. Ich dachte, ich komme für eine kurze Zeit her und dann hau‘ ich wieder ab in die Stadt. Doch dann habe ich gemerkt, das sind nicht einfach nur kaputte Gebäude, das ist Heimat.“

Und so allein, wie sie immer dachte, sei sie gar nicht. „Hier in der Gegend verstecken sich so viele spannende Persönlichkeiten. Zwanzig Minuten von unserem Dorf entfernt wohnt der Chef eines Musikkonzerns, in der Nähe von Pasewalk wohnen zwei Tatort-Kommissare und mein Onkel, Hans Leopold von Winterfeld, der als Einziger aus der Familie den Adelstitel aufrecht erhält, nimmt mich immer mit zu unserer Verwandtschaft fünften Grades.“

Genau das hält sie am Laufen und gibt ihr die Zuversicht, dass ihr Plan irgendwann aufgehen wird. Den alten Speicher und die Brennerei hat sie schweren Herzens verkauft unter der Bedingung, dass der neue Besitzer darin Zimmer für Übernachtungsgäste baut, die sie so dringend braucht. „Die Menschen sehnen sich immer mehr nach einem Leben auf dem Land. Meine Freundinnen nennen Damerow immer den Happy Place, weil man hier so schön runterkommen kann. Es wird noch eine Weile dauern, bis CoWorking so angenommen wird, dass es sich wirtschaftlich rentiert, aber ich bin mir sicher, dass wir in Zeiten der Digitalisierung mit diesem Konzept hier in unserem Landstrich punkten werden. Ich bin doch der beste Beweis!“

Webseite des Ritterguts mit Co-Working-Space

Initiative Smart Doerp über die ein Arbeitsplatz in der Papa gebucht werden kann.

Foto: Privat


Autorin: Annika Kiehn
© GRUENDER-MV.DE
25.06.2020

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